Pessimismus hat den Vorteil, hin und wieder positiv überrascht zu werden.

Mittwoch, Oktober 29th, 2008 um 20:52 | Uni und so

Heute hatte ich also die erste Teilprüfung in praktischer IFT.

Ich bin noch total verschnupft und habe so richtig schlecht geschlafen, denn der Poltergeist hat bis elf laut Party gemacht, dank Frau Pastoor wurde bis eins nur gelabert. Gegen Stimmengewirr kann man nichts sagen, aber wenn gelegentlich einer laut auflacht oder ähnliches, stört es eben dennoch. Ich habe dann mit Ohrstöpseln geschlafen, das hat es erträglich gemacht. Ich wollte da auch nicht weiter eingreifen, die letzten Tage war er ja nachts ruhig und nur tagsüber laut.

Nun bin ich also mit brennenden Augen und stechender Nase ins Labor gegangen, und wir mussten noch eine halbe Stunde warten, denn am Morgen ging wohl ziemlich viel drunter und drüber. Ein Teil meiner Gruppe konnte dann auch schon rein, aber ich musste noch warten. Waaah!
 
Ich wurde dann endlich reingerufen, musste meinen Namen eintragen, unterschreiben etc.
Jeder Prüfling muss die Grundmethode machen, und dazu wird ausgelost, ob er die Durchlaufmethode oder die Raffmethode zusätzlich machen muss.
 
Ich habe die gefürchtete (weil weit kompliziertere) Raffmethode gezogen. So ein Mist!
 
Und dann ging es direkt los mit Probenähen. Die Teile habe ich total verhauen, und wurde noch nervöser, als ich es zu Prüfungszeiten eh schon bin. Aber wenigstens wusste ich so, dass die Maschine, die ich erwischt hab, sehr klein riegelt und dass wenigstens der Stoff super war (schwerer Anzugsstoff).
Ich habe darauf erstmal eine gefühlte Ewigkeit an Tisch- und Stuhlhöhe, der Lehne, dem Licht, der “Nähgutposition” und sonstigen Kleinigkeiten rumgewurschtelt, und dann ging es los. Meine Hände haben gezittert wie die Erde in Indochina, und ich hatte dieses leichte Schwindelgefühl, dass alle Menschen kennen, die mit Prüfungsangst geplagt sind.
 
Ich hatte das Gefühl, ständig die Riegel zu weit aussen zu setzen , schief zu nähen oder das Teil aufzudehnen. Die typischen irrationalen Ängste eben.
 
Ich habe recht langsam genäht, was die einzelnen Fehler schwerer wiegen lässt.
Aber dafür habe ich fast gar keine Fehler gemacht :D.
 
Zuerst habe ich die Grundmethode G2 Z 060 gemacht: Zwei sechzig Zentimeter lange Streifen, die wegen ihrer Länge in der Mitte gefaltet werden, müssen exakt passgenau zusammengenäht werden. Dabei müssen sowohl der Kantenabstand der Längsseiten, der Abstand von Naht zu Kante und die beiden Enden der “Nähgutschichten” genau aufeinander passen. Hinzu kommt der Riegel, der muss im Nähgut sein, darf weder darüber hinausschießen noch zu weit drinnen anfangen. In der Grundmethode hat man hierbei eine Toleranz von einem Millimeter.
Von dieser Methode muss man je eine Fünferserie machen, was ich ziemlich fair finde.
Wegen meiner Zitterei habe ich ziemlich lange gebraucht, am Ende habe ich 80 Prozent Zeitpunkte gehabt. Was eigentlich immer noch recht gut ist, bedenkt man, dass ich zwischendurch meinen Nähgutstapel vom Tisch geschmissen habe, recht lange zum zusammenlegen der Kanten etc. gebraucht habe und zweimal im Nähen stoppen musste (Nähstopps sind große böse Dürfennichtseins!), um die Kanten neu auszurichten.
 
Ohne das weiter anzugucken kam direkt die Raffmethode 2R2 Z 050. Zu deutsch: eine Kapuze. Drei Teile, drei gegenläufige (aber gleichlange) Kanten, die aufeinander gebracht werden müssen. Den Seitenteil der Kapuze muss man in der Hand zusammenknittern, den Mittelstreifen lässt man “locker” durch die Hand laufen. Dabei muss man das Seitenteil Stück für Stück während des Nähvorganges freigeben. Das klingt nicht nur kompliziert.
Hinzu kommt, dass eine Doppelsteppstichmaschine (also ein Industrie-Geradeausnäher) ja nur von unten transportiert, und von oben durch den Nähfuß (”Stoffdrücker”) bremst. Heisst: die obere Schicht muss man unter den Fuß stopfen und die untere bremsen. Ohne die Finger unter die Nadel zu bekommen, denn sonst ist der Finger weg. Dieses Stopfen und Bremsen ist kompliziert, aber hier hat man auch höhere Toleranzen: Nahtanfang und -ende je fünf, Kantenabstände je zwei Millimeter.
Ich glaube, ich habe die Kanten kein einziges Mal richtig aufeinander bekommen.
 
In Fluchen hätte ich bestimmt die 1,0 gemacht XD.
 
Hier habe ich 70% Zeitpunkte geholt.
 
Da wir unsere Leistung selbst überprüfen mussten, habe ich vor Zittern das Handmaß nicht richtig halten können und dementsprechend mehr Fehler angekreidet, als ich tatsächlich gemacht habe. Und ich habe die Toleranzen vertauscht…
 
Das wurde natürlich darauf noch einmal gegenkontrolliert, und zu meinen Kantenabständen bei der Grundmethode bekam ich nur ein “wunderbar” zu hören. Da habe ich meinen Ohren erst einmal nicht getraut.
Die Nahtanfänge und -enden habe ich bis auf ein Mal auch gut. Ein Fehler! Nur einer! Mit siebzig Prozent Zeit macht das 1,7. Wow.
 
Da konnte ich die doofen Kapuzen versaut haben wir nur was, es wäre auf jeden Fall bestanden.
Boah!
 
Nunja, bei der Kapuze habe ich mir selbst neun Fehler angekreidet, aber tatsächlich nur drei gemacht. Ich habe zwar die Nahtenden nur zweimal exakt aufeinander bekommen (was mich auch überrascht hat), aber die restlichen acht waren bis auf zwei innerhalb der Toleranz. Und einmal habe ich den Kantenabstand tatsächlich über die Toleranz gehauen.
Vor Nervösheit habe ich rechte und linke Warenseite vertauscht, aber das Nebensache - ich sollte es nur nicht wieder tun, in den nächsten Prüfungen zählt das direkt als durchgefallen. Dieses Mal aber war es kein Prüfungsinhalt, deswegen wurde das auch nicht bewertet.
 
Drei Fehler mit siebzig Prozent Zeit macht 2,3. Uiuiui.
 
2,3 und 1,7 macht 2,0,
 
Sehr schön :).

3 Kommentare to Pessimismus hat den Vorteil, hin und wieder positiv überrascht zu werden.

Mama
Oktober 29, 2008

Herzlichen Glückwunsch, da hat das Daumendrücken ja was genützt!

Onkel Mo
Oktober 29, 2008

Na dann mal herzlichen Glückwunsch!

Und: meine Fresse, muss Prüfungsangst scheiße sein.

Astrid
Oktober 29, 2008

:D

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